Impuls zur Kunstausstellung 2026

Einsam. Gemeinsam. Mut zum Sein

 

Impuls zur Ausstellung

 

Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Gewissheiten geraten ins Wanken, gesellschaftliche Strukturen verschieben sich, und Nähe sowie Distanz müssen immer wieder neu ausgehandelt werden. In einer Welt, die digital vernetzt, globalisiert und zugleich von Spannungen geprägt ist, stellt sich die Frage neu: Was bedeutet es heute, zusammen zu sein?

Aus dieser Fragestellung heraus entsteht das Projekt Einsam. Gemeinsam. Mut zum Sein. Drei Begriffe, die zunächst wie Gegensätze erscheinen, zugleich aber eine Verbindung eröffnen: zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Erfahrung und Glauben, zwischen Kunst und Raum.

Die Ausstellung entfaltet sich in drei Kirchen der Evangelischen Kirche im Rheinland – in Düsseldorf, Essen und Saarbrücken. Diese Orte sind mehr als Ausstellungsräume. Kirchen sind Resonanzräume: Orte der Geschichte, der Stille und der Begegnung. Räume, in denen Fragen nach Sinn, Gemeinschaft und persönlicher Erfahrung seit Jahrhunderten verhandelt werden.

Drei Künstlerinnen wurden eingeladen, für diese spezifischen Orte neue Arbeiten zu entwickeln: Gertrud Riethmüller, Patrizia Casagranda und Diana Ramaekers.
Jede von ihnen begegnet einem Kirchenraum mit einer eigenen künstlerischen Haltung und entwickelt eine Arbeit, die aus der spezifischen Situation des Ortes hervorgeht.

Dieses Vorgehen versteht sich bewusst in situ. Die künstlerischen Arbeiten entstehen aus der Auseinandersetzung mit dem Thema ebenso wie mit der Architektur, der Atmosphäre und den jeweiligen Gemeinden der Kirchenräume. Jeder Ort bringt eigene Bedingungen mit sich: Licht, Proportion, Geschichte und Nutzung.
In diesem Dialog zwischen Raum und künstlerischer Idee entwickeln die Arbeiten ihre spezifische Form.

Die drei eingeladenen Künstlerinnen begegnen diesen Bedingungen mit sehr unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen: Gertrud Riethmüller entwickelt ihre Werke häufig aus der direkten Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Ort und schafft Installationen oder Interventionen, die sich aus Raum, Geschichte und Atmosphäre speisen. Patrizia Casagranda verbindet in ihren Arbeiten Bildwelten mit existenziellen Fragen nach Verletzlichkeit, Würde und menschlicher Präsenz. Diana Ramaekers wiederum arbeitet mit Licht, Raum und Bewegung und schafft atmosphärische Situationen, die die Wahrnehmung der Betrachtenden unmittelbar einbeziehen.

So entstehen Werke, die nicht unabhängig vom Ort gedacht sind, sondern aus ihm hervorgehen – Arbeiten, die den Kirchenraum nicht nur bespielen, sondern ihn zugleich neu wahrnehmbar machen.

Aus dieser ortsspezifischen Arbeitsweise entsteht ein künstlerischer Dialog, der sich über drei Städte hinweg entfaltet. Düsseldorf, Essen und Saarbrücken bilden dabei keine abgeschlossenen Einzelorte, sondern Stationen eines gemeinsamen Denkraums.

Im Zentrum steht das Dazwischen: zwischen Nähe und Rückzug, Licht und Dunkelheit, Verbundenheit und Einsamkeit. In dieser Spannung liegt möglicherweise jener Mut zum Sein, von dem der Theologe Paul Tillich gesprochen hat. Der Mut zum Sein, so Tillich, hat eine offene oder verborgene religiöse Wurzel. Er gründet in dem Vertrauen auf den „Grund des Seins“, den viele Menschen Gott nennen – in der Erfahrung, bejaht zu sein und sich selbst bejahen zu können.

Aus diesem Vertrauen kann Mut entstehen:
Mut zum individuellen Sein trotz aller Begrenzungen unserer Zeit.
Mut zur Gemeinschaft trotz aller Unvollkommenheit menschlicher Beziehungen.
Mut zum Sein trotz der Erfahrungen von Sinnverlust, Leere und Angst.

Auch der Kirchenraum selbst spricht von diesem Mut – oft ohne Worte. In seiner Architektur, in seinem Licht, in seiner Geschichte trägt er Spuren von Hoffnung, Zweifel, Gemeinschaft und besinnlichem Rückzug.

Die Kunst besitzt eine besondere Fähigkeit, diese Zustände sichtbar zu machen. Sie kann das zur Erscheinung bringen, was im Alltag häufig verborgen bleibt: das Bedürfnis nach Verbindung, das Ringen um Selbstbestimmung, die Verletzlichkeit und zugleich die Kraft des Menschseins.

So eröffnet die Ausstellung Räume, in denen sich beide Erfahrungen begegnen dürfen: das Alleinsein und das Miteinander. Drei künstlerische Positionen treten in einen Dialog – mit den Kirchenräumen, mit den Besuchenden und miteinander.

Wenn sich dabei keine Einheit, sondern eine Resonanz entfaltet – kein Gleichklang, sondern eine vielstimmige Verbundenheit –, dann erfüllt dieses Projekt seinen eigentlichen Sinn.

 

Dr. Sophie Sümmermann und Stephan Dedring

 

 

Impressionen zu den Künstlerinnen und den Ausstellungskirchen