Gertrud Riethmüller

Gertrud Riethmüller

Gertrud Riethmüller (*1961 in Niedermendig) lebt und arbeitet im Saarland. Von 1991 bis 1998 studierte sie Neue Künstlerische Medien an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken bei Prof. Ulrike Rosenbach und schloss ihr Studium als Meisterschülerin ab.

 

 

 

„Die Installation von den sichtbaren und unsichtbaren Spuren, die Erfahrungen im Menschen hinterlassen — und davon, dass Veränderung oft dort beginnt, wo etwas aufbricht.“

 

 

Johanneskirche Saarbrücken
19. September bis 1. November 2026
Vernissage am 19. September 2026 um
16:00 Uhr

 


Seit den 1990er Jahren entwickelt sie Installationen, Performances, Video und Soundarbeiten, die häufig ortsbezogen entstehen und sich mit Erinnerung, Materialität, gesellschaftlichen
Prozessen und poetischen Bildräumen auseinandersetzen. Viele ihrer Arbeiten reagieren direkt auf architektonische Situationen und historische Kontexte.
Gertrud Riethmüller erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, darunter den Bad Tölzer Kunstpreis, das Stipendium des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf sowie 2023 den Rheinischen Kunstpreis. Ihre Arbeiten wurden in nationalen und internationalen Ausstellungen sowie Kunstprojekten im öffentlichen Raum gezeigt.

 

 

 

Zwischen Erde und Himmel

Für die Johanneskirche in Saarbrücken entwickelt Gertrud Riethmüller eine ortsbezogene Rauminstallation. Die Arbeit entfaltet sich als begehbare Komposition zwischen Schwere und Leichtigkeit, Isolation und Verbindung, Verletzlichkeit und Hoffnung. Dabei verbindet die Künstlerin natürliche Materialien, Projektionen und symbolische Formen zu einem stillen Erfahrungsraum über menschliche Existenz und Gemeinschaft.

Im Zentrum des Altarbereichs liegt ein großer Kreis aus getrocknetem Lehm. Die rissige Oberfläche erinnert an ausgedörrte Erde, an Wüstenlandschaften, an Spuren von Zeit und Vergänglichkeit. Der Lehm erscheint starr und verletzlich zugleich. Seine aufgebrochene Struktur wird zum Bild innerer Zerrissenheit, von Einsamkeit und dem Gefühl des Abgeschnittenseins. Die Kreisform verweist einerseits auf Ganzheit, zugleich aber auch auf Eingeschlossensein und Isolation. Trotz seiner Brüchigkeit trägt der Boden Gewicht – physisch wie symbolisch.

Doch die Installation verbleibt nicht in dieser Erfahrung von Erstarrung. Die Wüste wird zugleich als Ort des Rückzugs, der Sammlung und der inneren Wandlung lesbar. Im biblischen Kontext erscheint sie als Raum des Exodus, des Übergangs und der Selbstbegegnung. Einsamkeit erhält dadurch eine ambivalente Bedeutung: Sie steht nicht nur für Verlust, sondern auch für Konzentration, Selbstvertrauen und die Möglichkeit eines Neuanfangs.

Aus dieser schweren, erdverbundenen Fläche erhebt sich ein starkes Tau mit Knoten, das sich vertikal durch den Kirchenraum spannt. Wie ein Rettungsseil verbindet es Boden und Höhe, Materie und Transzendenz. Die Knoten erinnern an Wegmarken, an Widerstände und an die Kraft, sich trotz Unsicherheit emporzubewegen. Zugleich bleibt das Material fragil – ein Hinweis darauf, dass jeder Aufbruch Risiko bedeutet. Das Seil wird so zum Sinnbild des „Muts zum Sein“: einer Bewegung aus der Isolation heraus, getragen von Vertrauen, Hoffnung und der Bereitschaft zur Veränderung. Dabei entstehen Assoziationen zur biblischen Erzählung von Jakob und der Himmelsleiter – zu jener Sehnsucht nach Verbindung zwischen dem Irdischen und dem Geistigen.

Über dieser Installation erscheinen als Projektion die Bewegungen eines Starenschwarms. Die flirrenden Formationen wirken leicht, beinahe immateriell. In ständigem Wandel formen und lösen sich die Vögel zu einem lebendigen Gefüge von Gemeinschaft. Der einzelne Vogel bleibt Teil eines größeren Zusammenhangs, ohne darin zu verschwinden. Schutz, Orientierung und gemeinsame Bewegung werden sichtbar. Nach der Schwere des Lehms öffnet sich der Raum nun ins Atmosphärische und Lichtartige. Vom erdigen Boden bis zum flüchtigen Bild entfaltet sich eine Bewegung vom Stillstand zur Dynamik, von Isolation zur Verbindung.

Gertrud Riethmüllers Arbeit macht den Kirchenraum selbst zu einem Resonanzraum existenzieller Erfahrungen. Zwischen Lehm, Seil und Licht entsteht eine Raumkomposition, die Einsamkeit nicht allein als Mangel begreift, sondern auch als möglichen Ausgangspunkt für Wandel, Beziehung und neue Formen von Gemeinschaft.

Wie der Lehm seine Risse erst im Laufe der Zeit ausbildet, erzählt auch die Installation von den sichtbaren und unsichtbaren Spuren, die Erfahrungen im Menschen hinterlassen — und davon, dass Veränderung oft dort beginnt, wo etwas aufbricht.

Text: Dr. Sophie-Marie Sümmermann, Kuratorin

Fotos: Holger Hagedorn AG Bild-Kunst Bonn 2026

 

//EN

Between Earth and Sky

For St John’s Church in Saarbrücken, Gertrud Riethmüller has developed a site-specific installation. The work unfolds as an immersive composition between weight and lightness, isolation and connection, vulnerability and hope. Combining natural materials, projections and symbolic forms, the artist creates a contemplative environment that reflects upon human existence and community.

At the centre of the chancel lies a large circle of dried clay. Its cracked surface evokes parched earth, desert landscapes, and the traces of time and transience. The clay appears both rigid and fragile. Its fractured structure becomes an image of inner fragmentation, loneliness and the experience of being cut off from others. The circular form refers on the one hand to wholeness, yet at the same time to enclosure and isolation. Despite its fragility, the ground carries weight – both physically and symbolically.

Yet the installation does not remain within this experience of stagnation. The desert also emerges as a place of retreat, reflection and inner transformation. Within a biblical context, it appears as a space of exodus, transition and self-discovery. Loneliness thus acquires an ambivalent meaning: it signifies not only loss, but also concentration, self-confidence and the possibility of a new beginning.

Rising from this heavy, earthbound surface is a thick knotted rope stretching vertically through the church interior. Like a lifeline, it connects ground and height, matter and transcendence. The knots evoke milestones, obstacles and the strength required to move upwards despite uncertainty. At the same time, the material remains fragile – a reminder that every departure involves risk. The rope thus becomes a symbol of the “courage to be”: a movement out of isolation, sustained by trust, hope and a willingness to embrace change. It also recalls the biblical story of Jacob’s Ladder and that enduring longing for connection between the earthly and the spiritual.

Above the installation, the movements of a murmuration of starlings appear as a projection. The shimmering formations seem light, almost immaterial. In a constant process of transformation, the birds gather and disperse, forming a living structure of community. Each individual bird remains part of a greater whole without disappearing within it. Protection, orientation and collective movement become visible. Following the heaviness of the clay, the space now opens into something atmospheric and luminous. From the earthy ground to the fleeting image above, a movement unfolds from stillness to dynamism, from isolation to connection.

Gertrud Riethmüller’s work transforms the church itself into a resonant space for existential experience. Between clay, rope and light, a spatial composition emerges that understands loneliness not merely as absence or deficiency, but also as a possible point of departure for transformation, relationship and new forms of community.

Just as clay develops its cracks only over time, the installation speaks of the visible and invisible traces that experiences leave within us – and of the fact that transformation often begins precisely where something breaks open.

 

//FR

Entre la terre et le ciel

Pour l’église Saint-Jean de Sarrebruck, Gertrud Riethmüller a conçu une installation in situ. L’œuvre se déploie comme une composition immersive entre pesanteur et légèreté, isolement et lien, vulnérabilité et espérance. En associant matériaux naturels, projections et formes symboliques, l’artiste crée un espace de contemplation consacré à l’existence humaine et à la communauté.

Au centre du chœur repose un grand cercle de terre argileuse séchée. Sa surface craquelée évoque une terre desséchée, des paysages désertiques ainsi que les traces du temps et de la finitude. L’argile apparaît à la fois rigide et fragile. Sa structure fissurée devient l’image de la fragmentation intérieure, de la solitude et du sentiment d’être coupé des autres. La forme circulaire renvoie d’une part à l’idée de totalité, mais également à celle d’enfermement et d’isolement. Malgré sa fragilité, ce sol porte un poids — à la fois physique et symbolique.

Cependant, l’installation ne s’arrête pas à cette expérience de l’immobilité. Le désert se révèle également comme un lieu de retrait, de recueillement et de transformation intérieure. Dans le contexte biblique, il apparaît comme un espace d’exode, de passage et de rencontre avec soi-même. La solitude acquiert ainsi une signification ambivalente : elle n’est pas seulement synonyme de perte, mais aussi de concentration, de confiance en soi et de possibilité de recommencement.

De cette surface lourde et enracinée dans la terre s’élève une épaisse corde nouée qui traverse verticalement l’espace de l’église. Telle une corde de sauvetage, elle relie le sol et la hauteur, la matière et la transcendance. Les nœuds évoquent les étapes du chemin, les résistances rencontrées et la force nécessaire pour s’élever malgré l’incertitude. En même temps, le matériau demeure fragile, rappelant que tout nouveau départ implique un risque. La corde devient ainsi le symbole du « courage d’être » : un mouvement hors de l’isolement, porté par la confiance, l’espérance et la volonté de changer. Elle évoque également le récit biblique de l’échelle de Jacob et ce désir profond de relier le monde terrestre à la dimension spirituelle.

Au-dessus de l’installation apparaissent, sous forme de projection, les mouvements d’une nuée d’étourneaux. Ces formations mouvantes semblent légères, presque immatérielles. En perpétuelle transformation, les oiseaux se rassemblent et se dispersent pour former une communauté vivante. Chaque individu demeure partie intégrante d’un ensemble plus vaste sans s’y dissoudre. Protection, orientation et mouvement collectif deviennent perceptibles. Après la lourdeur de l’argile, l’espace s’ouvre désormais vers une dimension atmosphérique et lumineuse. Du sol terrestre à l’image fugitive, un mouvement se déploie de l’immobilité vers la dynamique, de l’isolement vers la relation.

L’œuvre de Gertrud Riethmüller transforme l’église elle-même en un espace de résonance pour les expériences existentielles. Entre argile, corde et lumière naît une composition spatiale qui ne considère pas la solitude uniquement comme un manque, mais aussi comme un possible point de départ vers la transformation, la relation et de nouvelles formes de communauté.

Tout comme l’argile ne développe ses fissures qu’avec le temps, l’installation évoque les traces visibles et invisibles que les expériences laissent en chacun de nous — et rappelle que le changement commence souvent précisément là où quelque chose se fissure et s’ouvre.