Johanneskirche Saarbrücken

+++ Stadtkirche +++ Citykirche +++

 

Die Johanneskirche Saarbrücken ist Ausstellungsort der Gesamtausstellung „EINSAM.GEMEINSAM.MUT ZUM SEIN.“ der Evangelischen Kirche im Rheinland 2026.

 

 

Die Künstlerin Gertrud Riethmüller stellt vom 19. September bis 1. November 2026 ihr Werk „Zwischen Erde und Himmel“ in der Johanneskirche Saarbrücken aus.

Die Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 15.00 Uhr – 18.00 Uhr

 

FRAGEN die BEWEGEN – Interview mit Pfarrer Herwig Hoffmann, Johanneskirche Saarbrücken 

 

 

1.Die Ausstellungsreihe kreist um Einsamkeit, Gemeinschaft und den „Mut zum Sein“. Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Gemeinde derzeit mit diesen Themen?

In unserer Gemeinde erleben wir, wie unterschiedlich Einsamkeit heute aussieht. Da sind ältere Menschen, die nach dem Verlust ihres Partners in eine Stille geraten, die ihnen niemand ansieht. Menschen, die ihr Erwerbsleben beendet haben und erst lernen müssen, mit einer neuen Rolle, einem anderen Rhythmus und viel unstrukturierter Zeit umzugehen. Familien, die zwischen Arbeit, Kindern, Pflege und Erwartungen kaum noch Luft bekommen. Und Jugendliche und Kinder, die sich fragen, ob sie irgendwo wirklich dazugehören oder ob sie mit ihren Unsicherheiten allein sind.

Gleichzeitig spüren wir eine große Sehnsucht nach Gemeinschaft – nicht nach großen Programmen, sondern nach Orten, an denen man sich zeigen darf, ohne perfekt sein zu müssen. Gespräche nach dem Gottesdienst, kleine Gruppen, offene Abende, Begegnungen im Alltag der Gemeinde: Das sind Momente, in denen Menschen aufatmen und merken, dass sie mit ihren Fragen und Belastungen nicht allein sind.

Zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft entsteht etwas, das wir „Mut zum Sein“ nennen könnten. Mut, ein erstes Wort zu wagen. Mut, eine eigene Verletzlichkeit nicht zu verstecken. Mut, Hilfe anzunehmen oder Verantwortung zu übernehmen, obwohl man sich unsicher fühlt. Dieser Mut ist leise, aber er verändert Beziehungen.

Wir machen keine großen Versprechungen. Eine Gemeinde kann nicht alles lösen. Aber sie kann eine Chance sein – ein Raum, in dem Menschen mit ihren unterschiedlichen Geschichten willkommen sind und in dem Begegnung möglich wird, die trägt, auch wenn sie klein beginnt.

 

2. Woher nehmen Menschen Ihrer Ansicht nach heute Hoffnung und Mut – gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit und individueller Überforderung?

In einer Zeit, in der vieles unsicher geworden ist – gesellschaftlich, politisch, persönlich –, suchen Menschen nach Quellen, die sie innerlich tragen. Hoffnung und Mut entstehen heute selten aus großen Parolen oder schnellen Lösungen. Sie wachsen leise, oft unspektakulär, aber erstaunlich kraftvoll.

Viele Menschen schöpfen Mut aus Beziehungen, die ehrlich sind. Aus Begegnungen, in denen sie sich gesehen fühlen, ohne etwas leisten zu müssen. Ein Satz wie „Ich bin da“ kann heute mehr bewirken als jede Analyse. In einer Welt, die oft laut und fordernd ist, wird Verlässlichkeit fast zu einem spirituellen Grundnahrungsmittel.

Andere finden Hoffnung in Momenten, die Bedeutung schenken: in Kunst, Musik, Natur, Ritualen, Stille. In Erfahrungen, die ihnen zeigen, dass ihr Leben Gewicht hat – auch jenseits von Tempo, Vergleich und Selbstoptimierung. Viele spüren: Ich bin mehr als meine Erschöpfung, mehr als meine Rolle, mehr als das, was ich schaffe.

Und dann gibt es die kleinen Bewegungen, die Mut wachsen lassen: ein Schritt, ein Gespräch, ein Versuch. Menschen entdecken wieder, dass Mut nicht heroisch sein muss. Mut beginnt dort, wo jemand sagt: „Ich probiere es.“ „Ich zeige mich.“ „Ich bleibe.“ Gerade in Zeiten der Überforderung wird Selbstwirksamkeit zu einer stillen, aber tiefen Kraftquelle.

Hoffnung entsteht heute oft dort, wo Menschen erfahren, dass sie nicht allein sind. Mut entsteht dort, wo sie spüren, dass ihr Leben Bedeutung hat. Und beides wächst dort, wo sie merken, dass Veränderung möglich ist – nicht im Großen, aber im Kleinen, im Nächsten, im Konkreten.

So wird Hoffnung weniger ein Gefühl als eine Beziehung. Und Mut weniger ein Heldentum als ein Schritt.

 

3. Kirchen galten lange als selbstverständliche Orte von Zugehörigkeit, Begegnung, gemeinsamem Erleben und Sinnstiftung. Heute ist diese Selbstverständlichkeit vielerorts verloren gegangen. Kann Kunst dazu beitragen, neue Räume der Verbundenheit zu eröffnen?

Kunst kann neue Räume der Verbundenheit eröffnen, weil sie Menschen nicht nur anspricht, sondern berührt – und den Kirchenraum in einen Ort verwandelt, an dem Menschen sich selbst, einander und die Welt neu wahrnehmen. Sie verändert nicht nur, was wir sehen, sondern wie wir sehen. Sie öffnet einen Raum, in dem Wahrnehmung tiefer wird, in dem Stille Gewicht bekommt und in dem Menschen spüren: Hier darf etwas in mir in Resonanz treten, das im Alltag oft keinen Platz findet.

Kunst schafft eine Atmosphäre, in der Menschen nicht funktionieren müssen, sondern fühlen dürfen. Sie lädt ein, die eigenen Fragen nicht zu verstecken, sondern ihnen Raum zu geben. Sie macht sichtbar, was oft übersehen wird: die feinen Risse, die leisen Sehnsüchte, die Schönheit im Fragilen, die Würde im Unfertigen.

Im Kirchenraum gewinnt diese Erfahrung eine besondere Intensität. Der Raum selbst beginnt mitzuschwingen: Licht, Material, Geschichte, Stille. Kunst lässt all das neu sprechen. Sie verwandelt den Kirchenraum in einen Ort, an dem Menschen sich nicht nur als Einzelne erleben, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs — verbunden durch das gemeinsame Schauen, Staunen, Fragen.

So entsteht ein Raum, der nicht belehrt, sondern öffnet. Ein Raum, der nicht trennt, sondern verbindet. Ein Raum, in dem Menschen sich selbst und einander mit anderen Augen begegnen.

 

 

4. Die Kunstwerke möchte Menschen berühren, zum Nachdenken bringen, oder Hoffnung stiften. Welche besondere Kraft kann Kunst im Kirchenraum entfalten?

Kunst entfaltet im Kirchenraum eine besondere Kraft, weil sie Menschen nicht nur anspricht, sondern berührt – und den Raum selbst in einen Ort verwandelt, an dem Fragen, Sehnsucht und Hoffnung miteinander ins Gespräch kommen; ein Ort, an dem das Unsagbare Gestalt gewinnt, das Verdrängte sichtbar wird und die Zerbrechlichkeit des Lebens nicht als Bedrohung erscheint, sondern als gemeinsame menschliche Erfahrung; ein Ort, an dem Menschen spüren, dass ihre eigene Geschichte Platz hat und dass zwischen Licht und Schatten ein Raum entsteht, in dem neue Horizonte aufscheinen und etwas in ihnen zu klingen beginnt.

 

5. Welche der Ausstellungsprojekte der letzten Jahre hat Sie am meisten bewegt und warum?

Die Künstlerin Dorothee Bielfeld präsentierte 2022 im Rahmen der Ausstellungsreihe „Ruach – Atem. Wind. Geist“ ihre Installation „Erleuchtung“. Diese bestand aus 16 beweglichen Spiegeln, die das Licht, aber auch andere Eindrücke und Wahrnehmungen in der Kirche spiegelten, oft in überraschender Weise. Die Installation bot vor allem einen sehr ästhetischen Genuss. Bielfeld inszenierte einen Lichtertanz im Zusammenspiel von Licht, Kirchenfenstern und Sakralraum.

Eine besondere Erfahrung war es, die Apsis zu betreten, sich „verzaubern“ zu lassen von dem Schauspiel, sich selbst umspielen zu lassen von dem reflektierten Licht, gewissermaßen selbst zum Teil des Kunstwerks zu werden. Die Installation im Kirchraum hatte eine große spirituelle Kraft, der es ermöglichte, einen Hauch des Ewigen zu erahnen oder sogar zu spüren.

Die Künstlerin splittete mit den Spiegeln Raum und Licht auf und ordnete sie neu. Als Betrachter hatte man die Möglichkeit, die Welt als zerspalten, unübersichtlich, befremdlich wahrnehmen. Aber man konnte auch eine andere, neue Ordnung erkennen, einen Sinnzusammenhang, der neu ist und der einen Horizont der Hoffnung und des Mutes vor Augen stellte.

 

6. Was können zeitgenössische Kunst und christlicher Glaube gemeinsam sichtbar machen, das im Alltag oft übersehen oder verdrängt wird?

Zeitgenössische Kunst und christlicher Glaube machen sichtbar, was im Alltag leicht verloren geht: die Schönheit und Zerbrechlichkeit des Lebens, die Angst und die Hoffnung des Menschen, seine Zerrissenheit und seine Würde — und die Horizonte, die sich öffnen, wenn wir all das nicht verdrängen, sondern anschauen. Kunst besitzt eine radikale Ehrlichkeit, die den christlichen Glauben herausfordert — und gerade dadurch erneuert. Der Glaube fordert die Kunst dazu heraus, nicht beim Dunkel stehen zu bleiben, sondern zur Hoffnung, zur Würde, zur Weite zu gelangen.