
Die Johanneskirche Düsseldorf ist Teil der Gesamtausstellung „EINSAM.GEMEINSAM.MUT ZUM SEIN.“ der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Die Künstlerin Patrizia Casagranda stellt in der Zeit vom 25. September bis 8. November 2026 in der Johanneskirche Düsseldorf ihre Werke zu „EMBRACE YOUR POWER“ aus.
Die Öffnungszeiten: dienstags bis samstags 12.00 Uhr – 18.00 Uhr
FRAGEN die BEWEGEN – Interview mit Barbara Wengler, Kulturwissenschaftlerin Johanneskirche Düsseldorf

1.Die Ausstellungsreihe kreist um Einsamkeit, Gemeinschaft und den „Mut zum Sein“. Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Gemeinde derzeit mit diesen Themen?
Obwohl Menschen heute permanent digital vernetzt sind, fehlen ihnen oft belastbare soziale Beziehungen im Alltag. Während die digitale Kommunikation schnell und dauerhaft stattfindet, werden persönliche Begegnungen immer seltener. Die Johanneskirche, Stadt- und Kulturkirche in der Düsseldorfer Innenstadt, hat offene Türen. Im Foyer empfängt ein Café an fünf Tagen der Woche Passanten, Stammgäste und die Menschen der Stadt. An diesem Ort sind Gefühle der Einsamkeit heute sehr präsent. Und das nicht nur bei älteren Alleinlebenden, wie man vermuten könnte, sondern auch bei jüngeren, berufstätigen Menschen, die scheinbar mitten im Leben stehen und sich doch einsam fühlen. Wer selbst einen Weg findet, Initiative ergreift und Kontakt sucht – vielleicht durch ein Ehrenamt –, macht schnell gute Erfahrungen. Zusammen ist man weniger allein. Doch für den ersten Schritt braucht es Mut, viel Mut! Den Mut, einfach man selbst zu sein. Bei allem Bestreben nach Individualität scheint hierin gleichzeitig die größte Herausforderung zu liegen. Manchmal fehlt der Mut zum Sein. Orte wie das Café der Johanneskirche gewinnen vor diesem Hintergrund eine neue gesellschaftliche Bedeutung – als Räume unverzweckter Begegnung, in denen Menschen nicht performen oder etwas leisten müssen, sondern einfach da sein können.
2. Woher nehmen Menschen Ihrer Ansicht nach heute Hoffnung und Mut – gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit und individueller Überforderung?
Unsere Gegenwart lässt feste Ankerpunkte vermissen. Globale Krisen, politische Polarisierung, wirtschaftlicher Druck und die permanente Beschleunigung des Alltags erzeugen Unsicherheit. Hoffnung und Mut entstehen nicht mehr aus großen gesellschaftlichen Erzählungen oder festen Gewissheiten. Vielmehr schöpfen Menschen Hoffnung, wenn sie sich gesehen, angenommen und zugehörig fühlen. Dies kann in Freundschaften, Nachbarschaften, kulturellen oder kirchlichen Räumen, bei gemeinsamem Engagement, beim Sport oder auch bei kleinen Ritualen des Alltags der Fall sein. Für viele Menschen ist beruflicher und privater Erfolg heute besonders wichtig und er kann in der Tat beflügeln. Doch die ständige Jagd nach Erfolgen ist kräftezehrend und birgt das Risiko des Scheiterns. Im Falle des Scheiterns ist das Potenzial für persönliche Krisen hoch. Echte Hoffnung wächst dort, wo Menschen erfahren, dass ihr Dasein einen Wert hat – unabhängig von Erfolg oder Leistung. Mut entsteht nicht allein aus Stärke, sondern aus Beziehung. Wer mit den eigenen Fragen, Brüchen oder Unsicherheiten nicht allein bleibt, gewinnt Vertrauen ins Leben.
3. Kirchen galten lange als selbstverständliche Orte von Zugehörigkeit, Begegnung, gemeinsamem Erleben und Sinnstiftung. Heute ist diese Selbstverständlichkeit vielerorts verloren gegangen. Kann Kunst dazu beitragen, neue Räume der Verbundenheit zu eröffnen?
„Die Glaubwürdigkeit von Parteien und Kirchen mag schwinden, Museen aber genießen so viel Vertrauen wie kaum eine andere Institution. […] Museen, so scheint es, sind die letzten Kathedralen.“ schrieb Catrin Lorch 2019 in der Süddeutschen Zeitung. Tatsächlich sind christliche Kirchen als Institutionen nur noch für wenige Menschen Orte der Sinnstiftung. Fragen nach Sinnhaftigkeit und spirituelle Bedürfnisse sind jedoch aktueller und dringlicher denn je. Wo kommt man zusammen und tauscht sich aus, wenn nicht mehr in den Kirchen? Sind es die Museen? Wohl kaum. Die Frage ist groß, die Möglichkeiten individuell und eine allgemeingültige Antwort nicht in Sicht.
Die Begegnung von zeitgenössischer Kunst und Kirche kann jedoch einen wertvollen Beitrag leisten. Wenn es den Kirchen gelingt, auf Kunstschaffende zuzugehen, Räume der Begegnung zu eröffnen und einen echten, offenen Dialog zu beginnen, entstehen Reibung und Gespräch, Erkenntnis und Nähe. Es wird möglich, einander zuzuhören, Dissonanzen auszuhalten und auch mal die Herzen im Gleichklang schlagen zu lassen. Kunst berührt sinnlich und macht durchlässig. Wenn Kirchen ihre Türen für Kunst öffnen, birgt dies das Potenzial für eine neue Verbundenheit, die Unterschiede zulässt und Diversität als große Chance begreift.
4. Die Kunstwerke möchte Menschen berühren, zum Nachdenken bringen, oder Hoffnung stiften. Welche besondere Kraft kann Kunst im Kirchenraum entfalten?
Kirchbauten sind besondere Räume: nicht nur architektonisch, auch spirituell. Selbst Menschen, die sich selbst nicht als religiös bezeichnen, lassen sich regelmäßig vom Zauber der Orte berühren. Der Grund dafür lässt sich nur schwer in Worte fassen, vielleicht weht dort ein guter Geist. Oft herrscht Stille, und man nimmt sich die Zeit, kurz innezuhalten und durchzuatmen. Diese Atmosphäre macht empfänglich für sinnliche Erfahrungen. In dieser Umgebung und inneren Verfassung Kunst zu erleben, verändert die Menschen. Kunst wird auf besondere Weise rezipiert, sie wirkt eindringlicher. Die Bereitschaft, sich mit den künstlerischen Positionen auseinanderzusetzen und über die durch die Arbeiten angestoßenen Themen nachzudenken, steigt. Und auch der Raum profitiert. Ein schillerndes Prisma entsteht, wenn die Kunstwerke den Kirchenraum verändern, Gewohntes stören und neue Perspektiven ermöglichen. Das kann herausfordernd sein, ist jedoch stets bereichernd.
5. Welche der Ausstellungsprojekte der letzten Jahre hat Sie am meisten bewegt und warum?
Besonders fasziniert hat mich im Rahmen des Ausstellungsprojektes „Apokalypse“ in der Johanneskirche die Arbeit AWE von Angelika J. Trojnarski. In ihrer poetischen Arbeit gelingt der Künstlerin ein einnehmender Spagat zwischen harter Realität und purer Schönheit. Dabei betrachtet sie die Zerbrechlichkeit der Natur aus ästhetischer Distanz. Während der Ausstellungszeit war es neben dem eindrucksvollen Wandvlies vor allem der zweite Teil der Arbeit, der mich besonders berührt hat. In zwei großen Gläsern waren die Besucherinnen und Besucher dazu eingeladen, einen Weihrauchkegel anzuzünden und zu beobachten, wie der Rauch des langsam abbrennenden Kegels nicht etwa aufsteigt, sondern sich im Glas absenkt. Diese Aktion dauerte mehrere Minuten und hatte eine unglaublich entschleunigende Wirkung. Ich erinnere mich an mehrere Schulklassen, die beim Besuch der Ausstellung still und fasziniert um die Gläser standen. Diese Momente waren für alle etwas Besonderes und veranschaulichten, wie nah Vergänglichkeit und Schönheit beieinanderliegen.
6. Was können zeitgenössische Kunst und christlicher Glaube gemeinsam sichtbar machen, das im Alltag oft übersehen oder verdrängt wird?
Wenn sich zeitgenössische Kunst im Kontext des christlichen Glaubens mit aktuellen Themen beschäftigt, eröffnet dies einen spannenden Diskurs. Dieser kann, je nach Themensetzung, sämtliche Lebensbereiche betreffen. Er gelingt jedoch nur, wenn Religion und Kunst gleichberechtigt nebeneinanderstehen und nicht versuchen, sich gegenseitig zu überzeugen. Die Kirche darf Kunst nicht nur als temporäre Dekoration betrachten, Kunst die Kirche nicht nur als Bühne nutzen. Ein offener Dialog auf Augenhöhe hat das Potenzial mehrdimensionale Sichtweisen zu befördern. Doch erreicht dies auch noch die Menschen? Eine Voraussetzung hierfür wäre, dass sich Menschen die Zeit dafür nehmen möchten. Wenn Kirchen und Kunstschaffende gemeinsam Menschen erreichen und diese sich auf ein solches Erlebnis einlassen, können Dinge entstehen, die in ihrer Unvorhersehbarkeit erstaunen und in ihrer Intensität überwältigen. Fraglich bleibt, ob viele Menschen in ihrem Alltag diesem Erleben Raum geben möchten und können. Man muss sich bewusst sein, dass mangelnde Teilhabe durch fehlende zeitliche oder finanzielle Ressourcen oder fehlende kulturelle Bildung vielen Menschen den Zugang erschwert. Daher gilt es, niederschwellige und ansprechende Formate zu finden, denen es gelingt, Kunst und Kirche aus dem Elfenbeinturm auf den Boden der Tatsachen zu heben.