
Die Marktkirche Essen ist Ausstellungsort der Gesamtausstellung 2026 „EINSAM.GEMEINSAM.MUT ZUM SEIN.“ der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Die Künstlerin Diana Ramaekers, Botschafterin der Dunkelheit, stellt vom 26.September bis 17.Oktober 2026 in der Marktkitche Essen ihr Werk „Revealing the Light“ aus.
Ihr Werk „Revealing the Light“ ist ausßerdem Teil des Essen Light Festival 2026.
Die Öffnungszeiten: freitags bis sonntags von 18.00 Uhr – 22.00 Uhr.
Und während des ESSEN LIGHT FESTIVAL vom 2. bis 11. Oktober ist die Marktkirche täglich geöffnet und lädt gemeinsam mit der katholischen Cityseelsorge am Essener Dom zu „LICHT UND SEGEN“ ein.
FRAGEN die BEWEGEN – Interview mit Pfarrer Jan Vicari, Marktkirche Essen

1.Die Ausstellungsreihe kreist um Einsamkeit, Gemeinschaft und den „Mut zum Sein“. Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Gemeinde/Kirche derzeit mit diesen Themen?
Wenn mir – wie neulich wieder geschehen – am Ende eines Gesprächs mein Gegenüber dankt und sagt: „Das hat gutgetan, ich hatte heute noch mit niemandem gesprochen“ – dann wird mir wieder klar, was die ‚versteckte Pandemie Einsamkeit‘ praktisch bedeutet. Durch unsere Großstadt ziehen sich nicht nur Grenzen des Wohlstands und der Teilhabe, sondern auch der erlebten Zugehörigkeit zu einem ‚Wir‘. Am einsamen Küchentisch ist das unmittelbar spürbar.
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sie liegen längst nicht nur in veränderten Familienstrukturen. Die Marktkirche liegt am zentralen Kreuzungspunkt der Essener Innenstadt. Hier lerne ich, dass Einsamkeit und Gemeinschaft auch viel mit Asphalt, Steinen und Bäumen zu tun haben: Zusammenkommen und Interaktion benötigen menschenfreundliche Orte.
Die Essener Stadtmitte soll sich zukünftig nicht mehr nur über Konsum definieren, so das kommunale Leitbild. Sondern soll „gemeinschaftlich“ sein (neben „grün“ und „gemischt“), mit viel Raum für Begegnung, Kultur und Interaktion. Zu solchem Miteinander versuchen wir schon jetzt beizutragen, drinnen wie draußen: An unserem winterlichen Mittagstisch geht es titelgebend „warm & herzlich“ zu. Wenn „das Ruhrgebiet spricht“ – so heißt unsere Dialogaktion –, dann treffen sich Menschen zum Vieraugengespräch, obwohl sie um ihre politischen Differenzen wissen. Und an unserem „Stadtkla_WIR“ darf jede*r spielen, andere lauschen freudig den Klängen auf dem Platz.
Am deutlichsten wird mir die Sehnsucht nach Verbundenheit aber bei unserer Seelsorgebank für Passant*innen. Mit dem Lächeln der ehrenamtlichen Seelsorger*innen und bereitstehenden Kaffeetassen ruft sie leise auf den Platz, dass hier vertrauliche Gespräche möglich sind. Immer wieder bin ich erstaunt: Mitten im öffentlichen Raum entstehen unsichtbare Vertrauensräume, aus denen heraus Menschen am Ende den nächsten mutigen Schritt in ihr eigenes Leben wagen.
2. Woher nehmen Menschen Ihrer Ansicht nach heute Hoffnung und Mut – gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit und individueller Überforderung?
Hoffnungsvoll zupackendes Leben nehme ich an vielen Stellen wahr. Oft hat das damit zu tun, dass Menschen sich selbst als wirksam erleben: „Ich kann etwas beeinflussen, bewegen und verändern. Es macht einen Unterschied, ob ich hier bin (oder nicht).“ Für viele ist das besonders im Nahbereich von Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft spürbar. Andere finden sie in Wahlverwandtschaften, in Vereinen oder einem sinnvollen Beruf.
Wer findet aber mutige Mittäter*innen an Kirchenorten? Die Essener Marktkirche hat keine formale Mitgliederstruktur, aber zahlreiche Engagierte für einzelne Aktionen oder für wiederkehrende Themen. Ich bin davon überzeugt, dass wir Kirchen unsere Bewirk-Möglichkeiten („Ehrenämter“) viel offener kommunizieren müssten. Damit auch jenseits unserer Mitglieder Menschen die Chance sehen und Lust bekommen, hier gemeinsam Veränderung zu bewirken. Die Fragen nach unseren Sehnsüchten, Hoffnungen und dem gemeinsamen Mut zum Anfangen stehen dann von allein im Raum und suchen Antwort. Mit vielen (nicht mit allen!) werden wir solche Antworten finden, durch diskursive Klärung vorab oder im praktischen Tun: In jedem bewirken steckt ein –wir-.
Die Kehrseite dieser Erfahrung ist aber auch: Bei weitem nicht alles kann vor Ort beeinflusst werden. Ohnmachtsgefühle, Angst und Klage sind real und sollten nicht verdrängt werden. Unsere Gottesdienste stellen wir bewusst für diese ambivalenten Erfahrungen zur Verfügung. Hier gibt es Unterbrechung vom Nachrichtenfeuer, Fürbitten angesichts von Wirkungsverlust, Segen für Durststrecken, biblische Archetypen zweifelnder Zuversicht. Und: viel Hoffnung auf geschenkte Verwandlung. Sola gratia.
3. Kirchen galten lange als selbstverständliche Orte von Zugehörigkeit, Begegnung, gemeinsamem Erleben und Sinnstiftung. Heute ist diese Selbstverständlichkeit vielerorts verloren gegangen. Kann Kunst dazu beitragen, neue Räume der Verbundenheit zu eröffnen?
Die alten Bindungen sind in der Tat weitestgehend Vergangenheit. Es wäre daher ein Kurzschluss, auf Kunst als einfaches Mittel zur Wiederbelebung der religiösen Identifikation und sozialen Kohäsion zu setzen. Noch dazu, weil jedes ästhetische Empfinden voraussetzungsreich und subjektiv ist. Kunst, die universal gefällt, wird es nicht geben.
Ich erlebe es trotzdem so, dass Kunst in allen Formen und Gattungen – ob Musik, Tanz, Malerei, Lyrik, Film und andere mehr – die Kraft hat (und die unausgesprochene Erlaubnis in sich trägt), emotional verstanden zu werden. „Das spricht mich an, das berührt mich“ können wunderbare Anknüpfungspunkte für echte Begegnung sein, wenn Menschen über ihr individuelles Berührtsein ins Gespräch kommen.
Das will gestaltet sein, damit wir nicht in lebensweltlichen ‚Singularitäten‘ verhaftet und getrennt bleiben. Dazu müssen wir nicht Dasselbe schön finden, aber uns zumuten (auch ein ‚Mut‘!), einander etwas von uns preiszugeben. Freigiebige und angstfreie „Rechenschaft über unsere Hoffnung“ (1. Petrus 3,15) – wohin könnte uns das bringen?
4. Die Kunstwerke möchte Menschen berühren, zum Nachdenken bringen, oder Hoffnung stiften. Welche besondere Kraft kann Kunst im Kirchenraum entfalten?
Kunst im Kirchenraum wirkt meinem Empfinden nach in zwei gegensätzliche Richtungen. Als (temporäre) Installation stellt sie den scheinbar fixierten Raum in Frage (und lockert damit die oben genannte ‚Bindung‘ weiter): Gehört das hierher? Passt das? Unterstützt, kommentiert oder widerspricht es dem Raum? Hat es überhaupt eine Botschaft? Kunst im Kirchenraum sollte spürbar die kantische Aufforderung in sich tragen: „Frag weiter! Denk selbst!“
Diese kritische Wirkung von Kunst ist dringend nötig. Denn Kirchenräume werden von außen meist mit religiöser Eindeutigkeit verbunden: als dogmatische Gottesdienst- und Predigträume, mit einer genormten Botschaft. Auf der Suche nach neuer Verbundenheit in unseren Räumen brauchen wir gerade aber vor allem Mehrdeutigkeit und Mehrstimmigkeit: bei Funktionen und Nutzungen, in hier hörbaren Biografien, in streitbaren Positionen.
So vieles mehr wäre möglich in diesen großen Gemeinwohl-Räumen unserer Städte. Mit Spannung blicke ich daher auf die (bei Redaktionsschluss noch nicht eröffnete) Manifesta 16 Ruhr. Unter dem Titel This is not a church erkundet die europäische Kulturbiennale im Sommer und Herbst 2026 die sozialen Potentiale (entwidmeter) Kirchen im Ruhrgebiet: „Wenn dies keine Kirche ist, was ist es denn dann?“
Neben Kritik und Grenzüberschreitung erlebe ich aber auch, dass jedes Kunstwerk im Kirchenraum auch affirmativ gelesen wird, als Predigt ohne Worte, als konstruktiver Kommentar im Denk-Raum des Glaubens. Kunst hilft Menschen dabei, die Besonderheit und Schönheit des Kirchenraums überhaupt wahrzunehmen. In diese Spannung stellt sich jede künstlerische Intervention im Kirchenraum – zum Glück, wie ich finde.
5. Welche der Ausstellungsprojekte der letzten Jahre hat Sie am meisten bewegt und warum?
Die Marktkirche Essen ist 2024 erstmals Teil des Ausstellungsprojekt gewesen. Margareta Hesses „Apokalypse“ hat unseren liturgischen Raum radikal entfremdet: Dunkelheit, grelles schneidendes Laserlicht und eine grummelnde Klangkulisse haben auf viele Besucher*innen durchaus bedrohlich gewirkt. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass wir damit Erfahrungen von Angst und Vergänglichkeit auf eine gute Weise kollektiv fühlbar machen konnten. Der durchbetete Raum selbst, ein im Dunkel aufscheinendes Kreuz und die bewegte Anwesenheit anderer Menschen haben die Möglichkeit von Hoffnung und Verwandlung offengehalten.
6. Was können zeitgenössische Kunst und christlicher Glaube gemeinsam sichtbar machen, das im Alltag oft übersehen oder verdrängt wird?
In aller Kürze: Beide brauchen Zeit, Präsenz und Aufmerksamkeit. Beide schaffen durch ihre Präsenz Orte, an denen die Zeit anders läuft. Die geteilten Existenzmodi mit Seltenheitswert: innehalten statt funktionieren, bitten statt befehlen, genießen statt benutzen.