„Ward Licht“?

In lichten Momenten haben Menschen sie klar vor Augen: die allumfassende Erkenntnis. Aber aufgepasst, meint der Theologe Frank Vogelsang. Das göttliche Licht sei größer als die Fähigkeit des Menschen, es vollständig erkennen zu können.

„Und es ward Licht“. So einfach ist der Satz in der Schöpfungserzählung, im dritten Vers der Bibel. Der Satz steht also ganz zu Anfang. Er hat ohne Zweifel eine große Bedeutung. Doch was meint das: „Es ward Licht“? Man könnte auf den Gedanken kommen, dass das Licht so wurde, wie der Wechsel von Dunkel zu Hell, wenn man im Keller den Lichtschalter betätigt. Doch das wäre eine zu einfache, ja eine geradezu banale Antwort.

Das Thema „Licht“ im Schöpfungsbericht ist vertrackter, als es auf den ersten Blick scheint. Der Vers will nicht zum Ausdruck bringen, dass Gott irgendeinen imaginären Lichtschalter bedient hat. Es ist leicht einsehbar, warum der religiöse Text der Bibel nicht Licht in diesem Sinne meint, denn die Welt wäre jenseits der Existenz des Lichts davon ganz unberührt.

Die Metapher „Licht“ ist in der Bibel an vielen Stellen ganz anders verwendet worden. Im Alten Testament gibt es viele Stellen, die mit dem Licht mehr verbinden. Besonders interessant ist ein Vers des 36. Psalms. Dort heißt es: „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht sehen wir das Licht.“ (Ps 36,10)

Das Licht, das von Gott kommt, wird von dem weltlichen Licht unterschieden, das Helligkeit erzeugt. Das Licht Gottes ist offenkundig umfassender als das Licht dieser Welt. Es schafft erst die Voraussetzung, dass Menschen das Licht dieser Welt überhaupt sehen können. Herausragend ist der Text des Johannesevangeliums, in dem sich Jesus Christus mit dem Licht identifiziert.

Licht im Schöpfungsbericht

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) Das Licht symbolisiert hier das Heilsgeschehen durch den menschgewordenen Gott. Alle Texte des Neuen Testaments sind sich zumindest darin einig, dass dieses Geschehen in der Welt keinen Stein auf dem anderen lässt. Von hier aus muss man deshalb auch fragen, ob Licht im Schöpfungsbericht nur für den Vorgang stehen soll, bei dem elektromagnetische Strahlen eines bestimmten Spektrums in der Welt auftauchen.

Doch was sagt das uns, die wir als „moderne Menschen“ nüchtern auf die Welt schauen? Ist das alles nur eine unnötige Überhöhung? Ist es für uns heute nicht viel sinnvoller, allein von dem physikalischen Licht zu reden, also sehr nüchtern, in dem nichts Geheimnisvolles ist? Doch ist Licht auch in unserer religionskritischen Neuzeit eine zentrale Metapher und bei Weitem nicht auf eine physikalische Erscheinung zu reduzieren. Das gilt schon für die Selbstbezeichnung des Zeitalters, das sich als „Zeitalter der Aufklärung“ verstand, englisch „Enlightenment“, französisch „Illumination“. Das Licht der Vernunft beziehungsweise des menschlichen Verstands soll erstrahlen und die Welt der Finsternis entreißen.

Sehr anschaulich kommt diese Hoffnung in dem Schöpfungsoratorium von Joseph Haydn zum Ausdruck. In dem Moment, wo der Sänger „Es ward Licht!“ anstimmt, wechselt die Tonart in ein helles und tönendes C-Dur. Hier überlagern sich die Metaphorik der Aufklärung und die der Bibel. Die richtige Intuition von Haydn ist, dass das Licht nicht einfach nur einen physikalischen Vorgang meint. Aufklärung im Sinne der Vernunfttätigkeit weist nämlich nicht auf physikalische Verhältnisse, sondern auf eine veränderte Kultur hin, die von kritischer Erkenntnis erhellt wird. Der aufgeklärte Mensch verlässt sich nicht auf undurchschaubare Vorgaben, sondern versucht seine Situation kritisch und selbstkritisch zu verstehen. Licht im Sinne der Aufklärung ist das Medium von Wahrheit, für die man furchtlos eintreten muss. Demgegenüber stehen finstere Mächte, die Menschen in Abhängigkeit halten wollen. Diese Zuordnung ist bis heute gültig. Man kann es an vielen Redewendungen nachvollziehen: „Man muss Licht in die Sache bringen.“ – „Das wird noch ans Licht kommen.“ – „Da ging mir ein Licht auf.“

Licht verbindet das Sehen und Erkennen

Die Kunstwerke dieser Ausstellung lassen auch anklingen, dass die Bildebene, das sichtbare Licht, etwas mit der übertragenen Redeweise zu tun hat. Tatsächlich sind Sehen und Erkennen so eng verbunden, dass wir das Erkennen nur mit dem Sehen verbinden und das Sehen mit dem Erkennen. Was auch immer eine Erkenntnis ist, sie hat offenkundig viel mit „Licht“ zu tun. Beides, das Sehen wie auch das Erkennen, verstehen wir nicht wirklich, beide tragen ein Geheimnis in sich. Wieder zum Vers des 36. Psalms: „In deinem Lichte sehen wir das Licht.“ Wir sehen das Licht, aber was ist die Voraussetzung dafür, dass wir das Licht sehen, das heißt, dass wir das Licht als solches erkennen? Licht verbindet beides, Sehen und Erkennen.

In unserer Zeit sind wir misstrauisch gegenüber all jenen geworden, die vorgeben, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Wir haben gelernt, dass Wahrheit nicht einfach gegeben ist. Wann immer sich etwas Wahres zeigt, bleibt doch etwas im Verborgenen und dunkel. Die Hoffnung, einmal in aller Transparenz die Wahrheit an sich zu erkennen, ist uns abhandengekommen. Dafür gibt es auch gute theologische Gründe. Wenn der Vers im Johannesevangelium beschreibt, dass Christus das Licht sei, und an anderer Stelle, dass er die Wahrheit sei, (Joh 14,6), wird man annehmen müssen, dass uns endlichen Menschen die Wahrheit nicht vollständig zur Verfügung steht. Wir können uns die Wahrheit nicht aneignen, wir können nicht über sie verfügen. Wir können das Licht nicht produzieren, wir können nur dafür kämpfen, dass mehr Licht diese Welt erhellt, durchaus im Sinne der Aufklärung. Doch eine vollständige Aufklärung, eine vollständige Transparenz, steht uns nicht zur Verfügung.

Das kommt auch in den Kunstwerken zum Ausdruck. Hier geht es nicht um das Licht an sich, nicht darum, einfach eine allumfassende Helligkeit zu produzieren. Vielmehr fragen die Kunstwerke danach, wie sich Licht mit ursprünglich lichtloser Materie verbindet, wie das Licht gebrochen im Wechselspiel mit unterschiedlichen Materialien zum Ausdruck kommt.

Keinen Zugang zur Quelle allen Erkennens

In unserer endlichen, menschlichen Welt ist Licht immer auch ein kostbares Gut. Immer wieder können wir die Erfahrung machen, was geschieht, wenn das Licht verschwindet, wenn dunkle Mächte sich ankündigen. Anders als in der Aufklärung hat heute keiner den Optimismus, dass alles ans Licht gezogen werden könne. Im christlichen Glauben ist es Gott selbst vorbehalten, das Licht zu schaffen und ebenso die Bedingungen, damit wir das Licht im Lichte erkennen. Doch auch wenn es keinen Optimismus gibt, alles erhellen zu können, dürfen wir dankbar sein für alles Licht, das uns das Leben erleichtert und in anderem, positiverem Licht erscheinen lässt. Wir können etwas dazu beitragen, aber wir haben letztlich keinen Zugang zu der Quelle allen Erkennens. Die Bibel weiß zu unterscheiden zwischen dem Licht Gottes und der menschlichen Erkenntnis.

Licht erscheint auch in den Kunstwerken immer zerbrechlich, immer angefochten. Es arbeitet sich ab an den Materialien, an den Medien, die es durchdringt. Die Kunstwerke geben eine Ahnung davon, dass Licht immer ein kostbares Gut ist, dass es fragil ist und auch verschwinden kann. Das gilt sogar für das Licht der Aufklärung, etwa dann, wenn dunkle Mächte die Lichtregie übernehmen und statt einer offenen Kommunikation Fake News vorziehen. Das gilt aber auch für das Licht, das Gott schenkt. Die Reaktion des christlichen Glaubens kann nicht ein Besitzerstolz sein – der wahre Glaube! –, sondern muss die Haltung der Dankbarkeit sein, dass man an einer Wahrheit, an einem Licht, Anteil bekommt, über das man selbst nicht verfügt.

Foto: Andrea Zmrzlak
Dr. Frank Vogelsang

ist Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland und Mitglied im künstlerischen Beirat zur Ausstellung „und … Licht“