Das große Leuchten

Ob in Malerei, Fotografie oder bei Installation: Licht hat für erhellende Momente in der Kunst gesorgt und Spuren hinterlassen, meint Holger Hagedorn, Kurator der Ausstellung „und … Licht“. Ein Streifzug durch die Kunstgeschichte.

Licht hat in der Kunstgeschichte von jeher eine Schlüsselrolle inne. Dies ist wenig erstaunlich, da wir als „Augentiere“ bei Weitem die Mehrzahl unserer Sinneseindrücke über die Augen wahrnehmen. Dem strahlenden Einfluss der Sonne ist es zu verdanken, dass biologisches Leben auf unserem Planeten existiert. Schon im Jungpaläolithikum, als die großartigen Malereien zum Beispiel in den Höhlen Lascaux in der Dordogne und in Chauvet an der Ardèche (beide in Frankreich), Altamira in Kantabrien, (in Spanien) sowie nach neuen Erkenntnissen noch bedeutend früher (vor 73.000 Jahren) auf Borneo entstanden, spielte künstliches Licht eine gewichtige Rolle: Im Lichtschein von flackernden Fackeln wurde die Malerei auf den schroffen Kalksteinwänden scheinbar lebendig und der Jagdzauber konnte glaubhaft praktiziert werden.

Im Zeitalter der Pharaonen in Ägypten war es der Sonnengott Re, dem zu Ehren bedeutende Kunstwerke geschaffen wurden und der nach altägyptischer Auffassung allmorgendlich für die Wiedergeburt des Tageslichts verantwortlich war. Durch den von Pharao Amenophis IV. um 1350 v. Chr. angebeteten Sonnengott Aton hatte das Licht vorübergehend eine zentrale Stellung im religiösen Ritus. In der Spätantike nahm es mit dem persischen Mithraskult (Zarathustra) und der daraus abgeleiteten römischen Staatsreligion des Sol invictus, des unbesiegbaren Sonnengottes, nochmals die Stelle des religiösen Weltenherrschers ein, der in der bildenden und darstellenden Kunst entsprechend gewürdigt wurde.

Auch viel später, im Zeitalter des Barock, wurden spezielle Lichtwirkungen erzielt, beispielsweise in der Malerei eines Jan Vermeer. Hier sei exemplarisch das Werk „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ genannt. Der Lichtpunkt auf dem Ohrring ist es, der die Fokussierung des Auges und die Faszination des Werkes bedingt. Ähnliches gilt für die barocken, bühnenhaft inszeniert wirkenden Werke von Caravaggio oder eines Rembrandt van Rijn, zum Beispiel“ Der Mann mit dem Goldhelm“ (wohl aus seinem Umfeld), in welchen die Licht- und Schattenwirkungen dominant sind. Bei William Turner im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert waren es atmosphärische Lichtstimmungen, die seine Malerei einzigartig machten, zum Ende des 19. Jahrhunderts wählten die Maler des Impressionismus Licht zum Schwerpunktthema.

Zeichnen mit Licht

Mit der Erfindung der Fotografie, die auf der Camera obscura basiert, welche bereits Aristoteles beschrieb und von Leonardo da Vinci umgesetzt wurde, gewann die Lichtkunst, genauer: das Zeichnen oder Abbilden mittels des Lichts, immer mehr an Bedeutung. Als dann zum Ende des 18. Jahrhunderts das Fixieren einer Fotografie möglich wurde, begann eine beispiellose Entwicklung, die in der heutigen digitalen Bilderflut gipfelt. Heute ist die Fotografie ein wichtiger Bestandteil der bildenden Kunst. Dies gilt ebenfalls für die Film- und Videokunst, in der beispielsweise Andy Warhol, Nam June Paik sowie Marie Jo Lafontaine wichtige Vertreter waren beziehungsweise Letztere dies ist.

In der zeitgenössischen Kunst sind es vornehmlich US-amerikanische Künstler wie James Turrell oder Dan Flavin, die Licht als zentrales Element ihrer Kunst eingesetzt haben. Dabei stellt Turrell es in Reinform in den Fokus, Flavin erfand Plastiken aus und mit Leuchtstoffröhren. Bruce Nauman hingegen nutzt beispielsweise Neonröhren, um Zeichnungen und schriftliche Aussagen plastisch und drastisch in Szene zu setzen.

Gerhard Richter hat in seinem möglicherweise spirituellsten Werk, dem sogenannten „Richterfenster“ in der Südseite des Kölner Doms, mit farbigem Licht gearbeitet. Der Kölner Dompropst Norbert Feldhoff äußerte darüber: „Dieses Fenster stellt nichts Religiöses dar, ist aber eine Herausforderung des Sehens. Es regt zur Stille an, es schafft ein von Farben schillerndes Licht, es animiert, beseelt, regt zur Meditation an und schafft ein Flair, das für das Religiöse öffnet. Vor allem dann, wenn die Sonne richtig steht.“

Polyvalente Perspektiven

Licht begreifbar machen, mittels Licht in der Kunst, Licht im Kirchenraum: Eine komplexe Aufgabe stellt sich dar für die sieben eingeladenen Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung „und … Licht“. An acht sehr diversen Orten auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland sollen aktuelle Positionen der Lichtkunst auf die jeweiligen Raumverhältnisse reagieren und mit ihnen interagieren. Das Spektrum der ausgestellten Werke reicht von traditioneller Fotografie in allerdings radikal reduzierter Anwendung über Video- und Foto-Linsenprojektionen bis zu Installationen und Glaskunst.

Bei der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler hat der Beirat der Ausstellung großen Wert auf Zeitgenossenschaft gelegt. Es handelt sich um aktuelle Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die sich im Alter, Geschlecht und in ihrer Herkunft unterscheiden, polyvalente Perspektiven einbringen und auf der Höhe des aktuellen Kunstdiskurses arbeiten. Religiöse Inhalte und Bezüge treten in den Kunstwerken nicht offen zutage. Es sind allesamt autonome, konkrete Kunstwerke. Durch den Kontext der Ausstellung befinden sie sich allerdings in Interaktion zu den sakralen Räumen, in denen sie gezeigt werden, und lassen dort Bezüge zum christlichen Glauben erkennen. Sie eröffnen somit den Diskurs über den derzeitigen Stand der Beziehung zwischen Kirche und Kunst.

Interessanterweise fokussieren mehrere der insgesamt neun Werke das Element Wasser als Medium für das Thema Licht. Sei es die meditativ anmutende „Welle“ des Künstlerduos Molitor & Kuzmin, die faszinierenden, wasserverspiegelten und wellenhaltigen Videoarbeiten „falling lights and rising shadows“ des Künstlerduos Krüger & Prothmann oder die transluzente dreiteilige Glasarbeit von Diana Ramaekers, die wie eine Wasserlache mit außergewöhnlichen, prismatisch schillernden Reflexen wirkt und stark mit dem Umgebungslicht interagiert.

Pink Floyd und die Ewigkeit

Formal amorph mutet die scheinbar im Wachstum begriffene modulare Arbeit „Stellare Verbindungen“ aus der Hand von Christoph Dahlhausen an. Eine Collage aus Fotolinsen, die in einen Aluminiumrahmen eingelassen sind. Die Collage arbeitet mit farbigen Projektionen. Seine Gerüst-Leuchtstoffröhreninstallation „Shine on …“ versteht Dahlhausen ebenfalls als Malerei, wobei er hier den intensiv cyanblauen Farbton auf den Umgebungsflächen als ein wichtiges Element seines Werkes versteht. Der Titel spielt auf den Song von Pink Floyd „Shine on you crazy diamond“ mit seinen vielschichtigen Konnotationen an.

Konstantinos Angelos Gavrias zeigt das Nichts, aus dem das Etwas entsteht: eine große, scheinbar weiße Fläche, die erst nach intensiver Betrachtung das Selbstportrait des Künstlers, betitelt „aeon“, preisgibt. Aeon kann einerseits als begrenzter Zeitraum verstanden werden, anderseits steht der Begriff auch für die Ewigkeit. Gavrias konterkariert somit seine preisgekrönte schwarze Arbeit aus der Vorgängerausstellung „reFORMation transFORMation“ (2017) der Evangelischen Kirche im Rheinland.

In den drei weiteren Arbeiten (neben der bereits erwähnten „Welle „) des Künstlerduos Molitor & Kuzmin eröffnen sich vielfältige Lesarten und Interpretationen: Die Lichtstele mit dem Titel „m&k-Licht-2000“ ermöglicht eine partizipatorische Erfahrung durch das Manipulieren von Sand in einer Bleikiste, der immer wieder neue Licht- und Schattenwirkungen evoziert. Die Arbeit „2+1“ aus Beton, Moniereisen und drei kreisförmigen Lichtröhren hat eine Vielzahl von Konnotationen, und das Werk aus Filz und Neonschrift mit dem Titel „Lichtzeit“ lässt auf hellere Zeiten hoffen.

Bei einem Fototermin in seiner Atelierhalle in Bonn sprachen wir gemeinsam über unser Thema „und … Licht“. Christoph Dahlhausen konstatierte: „Es gibt keine Kunst ohne Licht.“ Auf die bildende Kunst bezogen ist dem meiner Meinung nach nichts hinzuzufügen.

 

Foto: Gavrias

Holger Hagedorn

ist Kurator und Mitglied im Beirat der Ausstellung „und … Licht“. Er lebt und arbeitet als Künstler und Kurator in Pulheim bei Köln.